Ich habe das Gefühl, nie gut genug zu sein

„Ich habe das Gefühl, nie gut genug zu sein.“

Diesen Satz sagte mir kürzlich eine Teilnehmerin in meinem Seminar „Gesund und leistungsfähig trotz Stress“ an der Haufe Akademie. Im Gespräch wurde schnell deutlich, was dahintersteckte: ihr Perfektionismus.

Sie arbeitet gründlich, zuverlässig und mit hohem Anspruch an sich selbst. Eigentlich sind das gute Eigenschaften. Doch irgendwann reicht „gut“ nicht mehr. Dann wird aus dem Anspruch, gute Arbeit zu leisten, der innere Druck, keinen Fehler machen zu dürfen.

Die Präsentation könnte noch eine Runde überarbeitet werden. Die E-Mail müsste vielleicht noch etwas präziser formuliert sein. Die Aufgabe ist eigentlich fertig, aber ein Detail lässt sich bestimmt noch verbessern. Und bevor etwas nicht wirklich perfekt ist, fällt es schwer, einen Punkt darunter zu setzen.

Also werden Überstunden gemacht, Abende geopfert und die eigene Erholung nach hinten verschoben.

Und trotzdem bleibt dieses Gefühl: Es reicht noch nicht.

Wenn aus hohen Ansprüchen permanenter Druck wird

Perfektionismus wird häufig mit Leistungsbereitschaft verwechselt. Wer hohe Ansprüche an sich selbst hat, arbeitet sorgfältig, übernimmt Verantwortung und möchte gute Ergebnisse abliefern. Das kann eine große Stärke sein.

Schwierig wird es, wenn aus einem gesunden Qualitätsanspruch ein innerer Druck wird, der kaum noch einen Endpunkt kennt.

Dann geht es irgendwann weniger darum, eine Aufgabe wirklich gut zu erledigen. Es geht darum, mögliche Fehler auszuschließen, Kritik zu vermeiden oder sich selbst zu beweisen, dass die eigene Leistung ausreicht.

Vielleicht kennst Du Gedanken wie:

Das hätte ich noch besser machen können.

Das darf mir eigentlich nicht passieren.

Die anderen bekommen das bestimmt besser hin.

Ich kann erst aufhören, wenn wirklich alles stimmt.

Wenn ich jetzt einen Fehler mache, denken die anderen, dass ich es nicht kann.

Das Fatale daran: Du kannst sehr viel leisten und Dich trotzdem ständig unzureichend fühlen.

Denn Perfektion hat eine unangenehme Eigenschaft. Sie verschiebt die Ziellinie immer weiter nach hinten.

Der zusätzliche Aufwand bringt nicht immer zusätzliche Qualität

Stell Dir vor, Du hast eine Aufgabe zu 80 oder 90 Prozent erledigt. Inhaltlich ist alles Wesentliche vorhanden, die Qualität stimmt und die Aufgabe erfüllt ihren Zweck.

Trotzdem arbeitest Du noch eine Stunde weiter. Du formulierst einen Satz um, kontrollierst noch einmal eine Zahl, veränderst eine Kleinigkeit an der Präsentation und gehst alles ein weiteres Mal durch. Vielleicht wird das Ergebnis dadurch tatsächlich noch etwas besser.

Die entscheidende Frage ist allerdings: Wie viel bringt diese zusätzliche Stunde wirklich?

Wenn aus 90 Prozent 95 Prozent werden, kann das bei manchen Aufgaben sinnvoll sein. Bei anderen Aufgaben verändert sich das Ergebnis kaum noch. Der zusätzliche Aufwand kostet trotzdem Zeit, Energie und vielleicht Deine Erholung am Abend. Deshalb lohnt es sich, nicht jede Aufgabe nach demselben Qualitätsmaßstab zu behandeln.

Eine wichtige Präsentation für die Geschäftsführung braucht möglicherweise eine andere Sorgfalt als eine interne E-Mail. Ein Konzept für einen Kunden verdient eine andere Prüfung als eine alltägliche Routineaufgabe. Und manchmal ist eine Aufgabe einfach erledigt, wenn sie ihren Zweck erfüllt.

Gut genug ist keine Nachlässigkeit. Gut genug kann eine bewusste Entscheidung sein.

Die Frage ist nicht: „Wie mache ich es perfekt?“

Eine hilfreiche Frage könnte deshalb lauten: „Was braucht diese Aufgabe wirklich?“

Nicht: Was könnte ich theoretisch noch verbessern? Besser wäre vielleicht: Was ist notwendig, damit die Aufgabe ihren Zweck erfüllt?

Du kannst Dir vor Beginn einer Aufgabe ein konkretes Qualitätsniveau setzen. Was muss unbedingt enthalten sein? Was wäre schön, ist aber nicht notwendig? Und woran erkennst Du, dass die Aufgabe fertig ist? Diese letzte Frage ist besonders wichtig. Denn Perfektionismus sorgt häufig dafür, dass es keinen klaren Endpunkt gibt. Wenn Du selbst definierst, wann eine Aufgabe fertig ist, kannst Du auch bewusst entscheiden, wann Du aufhörst.

80 Prozent können manchmal genau richtig sein

Der Gedanke „80 Prozent reichen“ kann dabei ein hilfreiches Experiment sein. Er bedeutet nicht, dass Du künftig nur noch halbherzig arbeitest oder Deine beruflichen Ansprüche senkst.

Er bedeutet vielmehr: Nicht jede Aufgabe braucht 100 Prozent Deiner Zeit, Aufmerksamkeit und Energie.

Vielleicht probierst Du bei einer weniger kritischen Aufgabe einmal aus, bewusst bei 80 Prozent aufzuhören. Nicht weil Du schlampig arbeiten möchtest, sondern weil Du herausfinden willst, was tatsächlich passiert.

Wird jemand die fehlenden 20 Prozent überhaupt bemerken?

Entsteht dadurch tatsächlich ein Nachteil?

Oder stellst Du fest, dass das Ergebnis völlig ausreichend ist und Du gleichzeitig eine Stunde Zeit gewonnen hast?

Diese gewonnene Zeit ist übrigens nicht wertlos. Du kannst sie für eine andere wichtige Aufgabe nutzen, früher Feierabend machen, Dich bewegen, mit jemandem Zeit verbringen oder einfach einmal nichts leisten.

Zeit ist schließlich auch Lebenszeit.

Perfektionismus kostet nicht nur Arbeitszeit

Wenn Du ständig versuchst, Fehler zu vermeiden und Deinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, kann der Preis dafür höher sein als ein paar zusätzliche Arbeitsstunden.

Du bist gedanklich länger bei der Arbeit. Du nimmst Aufgaben mit nach Hause. Du grübelst über Entscheidungen nach. Du kontrollierst Dinge mehrfach. Und selbst wenn Du eigentlich Feierabend hast, läuft im Hintergrund die Frage weiter, ob Du alles richtig gemacht hast.

So kann ein Kreislauf entstehen: Hohe Ansprüche führen zu mehr Aufwand, mehr Aufwand lässt weniger Raum für Erholung, und weniger Erholung kann wiederum Konzentration und Energie beeinträchtigen. Gerade dann lohnt es sich, den eigenen Anspruch einmal genauer anzuschauen.

Nicht mit der Frage: „Wie werde ich endlich besser?“

Sondern mit der Frage:

„Wo ist mein Anspruch sinnvoll und wo kostet er mich mehr, als er mir bringt?“

Ein kleines Experiment gegen den Perfektionismus

Such Dir für die kommende Woche eine Aufgabe aus, bei der nicht alles perfekt sein muss.

Definiere vorher, was „fertig“ bedeutet. Lege beispielsweise fest, wie viel Zeit Du investieren möchtest oder welche drei Kriterien erfüllt sein müssen.

Wenn diese Kriterien erfüllt sind, beendest Du die Aufgabe bewusst.

Und dann beobachtest Du, was passiert.

Vielleicht stellst Du fest, dass Du Dich zunächst etwas unwohl fühlst. Das ist nicht ungewöhnlich. Wenn Du lange gewohnt bist, immer noch einmal nachzubessern, kann sich das bewusste Aufhören zunächst falsch anfühlen.

Aber genau darin liegt das Experiment.

Du trainierst nicht, weniger sorgfältig zu arbeiten. Du trainierst, zwischen sinnvoller Qualität und überhöhtem Anspruch zu unterscheiden.

Und vielleicht entdeckst Du dabei etwas sehr Wertvolles: Du musst nicht jede Aufgabe maximal gut machen, um gute Arbeit zu leisten.

Gesund leistungsfähig bedeutet auch, Maß zu halten

Leistungsfähigkeit bedeutet nicht, permanent das Maximum aus Dir herauszuholen. Sie zeigt sich auch darin, Deine Energie bewusst einzusetzen und zu erkennen, wann zusätzlicher Einsatz wirklich notwendig ist.

Du darfst engagiert sein. Du darfst hohe Ansprüche haben. Du darfst gute Arbeit leisten wollen.

Und Du darfst trotzdem irgendwann sagen:

Das ist jetzt gut. Ich bin fertig.

Wenn Du Deinen Perfektionismus besser verstehen und Deinen Umgang mit Leistung, Stress und eigenen Ansprüchen verändern möchtest, findest Du in meiner Praxis Lounge „Gesund & leistungsfähig“ weitere Impulse für einen bewussteren Umgang mit Deiner Energie und Deinen persönlichen Ressourcen.

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Dort geht es darum, wie Du Deine Leistungsfähigkeit erhalten kannst, ohne Dich dabei selbst ständig zu überfordern. Du findest praktische Anregungen, die sich in Deinen Alltag integrieren lassen und Dir helfen können, Deine eigenen Muster genauer wahrzunehmen.

Und vielleicht ist genau das eine gute Frage für Deinen nächsten Arbeitstag:

Was muss heute wirklich perfekt sein und was darf einfach gut genug sein?

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